Evelina Cajacob - frölicher|bietenhader - Gabriela Gerber & Lukas Bardill - Zilla Leutenegger - Manfred Alois Mayr - Yves Netzhammer - Ursula Palla - Patrick Rohner - Sebastian Stadler - Olga Titus

 

 

Home
Projekt
Kontakt
Anfahrtsplan
Palazzo Castelmur
Rahmenprogramm
Links
Sponsoren
Impressum
Presse
Publikation
Archiv Ausstellung 2013
 
zurück

Sebastian Stadler
«Sturz ins Bergell – Gegenrichtung», 2015

Als «Sturz ins Bergell»(1) beschrieb die Schriftstellerin und Reisejournalistin Annemarie Schwarzenbach (1908–1942) den Weg von Maloja nach Chiavenna – es sind fast 1500 Höhenmeter Unterschied zwischen dem Oberengadin und dem südlichen Grenztal. Der atemberaubende Blick, der sich einem von der Passhöhe (1815 m ü. M.) auf die 15 scharfen Haarnadelkurven bietet, bleibt jedem im Gedächtnis.

In einer Rekordzeit von sieben Minuten und 35 Sekunden raste der Schweizer Rennfahrer und Restaurantbesitzer Rudolf Fischer (1912– 1976) am 31. August 1952 in umgekehrter Richtung die steile Südrampe mit seinem Ferrari hinauf.(2) Aus dem sechsten und letzten Maloja-Autorennen mit Tausenden Schaulustigen ging er mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 87 km/h als Sieger hervor. Die legendäre «Course au Maloja» hielt Varlin vier Jahre zuvor in einem Ölgemälde fest.


In seiner Videoarbeit «Sturz ins Bergell – Gegenrichtung» vollführt Sebastian Stadler ein Reenactment der spektakulären Rennfahrt. In einer Frühlingsnacht brauste eine geübte Autofahrerin mit einem mit einer Kamera an der Stossstange ausgerüsteten Maserati (Granturismo Sport) zum Maloja Kulm, wo auch die Bergrennen jeweils endeten. Anders als die Wettrennen aber, deren Startschuss auf der kürzeren Strecke in Casaccia, auf der längeren beim Crotto Albigna in Vicosoprano abgefeuert wurde, begann die Tour beim Palazzo Castelmur. Während der rasanten Fahrt, für deren Filmaufnahme Sicherheitsvorkehrungen getroffen wurden, bangen die Betrachter des Videos mit. Mit im wahrsten Sinne tiefgelegter Perspektive rücken die Kurven der geschichtsträchtigen Transitroute, die täglich von zahlreichen Grenzgängern befahren wird, ins Zentrum. Der Blick auf die Strasse beschäftigte Stadler bereits in seiner Fotoserie «We See the Whole Picture» (2014) – einer Auswahl von Webcam-Überwachungsaufnahmen von finnischen Strassen – und im gemeinsam mit Patrick Cipriani konzipierten Video «superstrada» (2015).

Stadlers Video ist nicht zuletzt auch eine Hommage an den sagenhaften Kurzfilm «C’était un rendez-vous» von Claude Lelouch (*1937) aus dem Jahr 1976. Der Filmemacher raste, nachdem er eine Kamera an der Stossstange montiert hatte, an einem frühen Sonntagmorgen mit einem leistungsstarken Mercedes-Benz 450 SEL 6.9 durch Paris – von der Porte Dauphine zum Sacré-Coeur – in ebenfalls weniger als acht Minuten.

(1) Annemarie Schwarzenbach: Graubünden, in: Schweiz. Ost und Süd (Was nicht im «Baedeker» steht, XV), hg. v. Eduard Korrodi, München 1932, S. 173.
(2) Vgl. Ursula Bauer/Jürg Frischknecht: Grenzland Bergell. Wege und Geschichten zwischen Maloja und Chiavenna, Zürich 2003, S. 27 ff.


Céline Gaillard

 

Sebastian Stadler Sturz ins Bergell

Sebastian Stadler · «Sturz ins Bergell – Gegenrichtung», 2015

Videoprojektion, Full-HD, 16:9, Farbe, Ton, Loop 14’ 24”

© Ralph Feiner · © Video Arte Palazzo Castelmur

 

Sebastian Stadler
«Glaskugel», 2015

Ausgehend von der Fotografie verfolgt Sebastian Stadler in Foto- und Videoarbeiten das Faszinierende im Unscheinbaren. Er konzentriert sich auf jene Dinge, die schnell übersehen werden. Das Verhältnis der beiden Medien erkundend, sprechen die Videoarbeiten, die auch in einzelnen Sequenzen bestehen, die Bildsprache der Fotografie, die der Künstler im Video nur sanft mit Bewegung anstösst. So entstehen aus dem Leben gegriffene Bilder, die einzigartige Atmosphären einfangen, das Wahrnehmungspotenzial ausloten und faszinieren.


Unter dem Titel «Kreisel / neuer Komfort» erarbeitete Stadler 2013 vier Videos, die allesamt Bewegungsabläufe aufzeichnen; entweder geriet das Motiv selbst in Bewegung – ein Schiff, das sich auf dem See langsam um sich selbst dreht –, oder die Position des Filmers bewegte sich – eine Verkehrsinsel, um welche die aus einem Autofenster gehaltene Kamera immer wieder kreist. Nie sind die Situationen indes gestellt, sondern Stadler macht sich Kräfte aus dem Alltag und von bestehenden Infrastrukturen zu eigen. Auch das im kleinen Saal an die Wand projizierte Video der Maloja-Fahrt ist dynamisch: Es beschreibt mit den scharfen Kurven viele Halbkreise, deren Ausrichtungen laufend wechseln.


Von der Faszination durch gegebene Bewegungsmomente ausgehend, wandte sich der Künstler im Palazzo Castelmur dem Treppengeländer zu, das seinerseits sehr stark einen Bewegungsverlauf vorgibt, ähnlich wie Strassen die Bewegung und damit den Sichtwinkel ihrer Nutzer bestimmen. Mit der Kamera folgte Stadler dem Geländer und umkreiste jede Glaskugel auf den Eckpfeilern der Treppenwenden. Die kunstvollen Glasarbeiten – die filigranen Blumenmotive im Innern der Kugeln wurden im aufwendigen Millefiori- Verfahren in Frankreich hergestellt – rücken ins Zentrum der Betrachtung. Die barocken Glasknäufe zählen zu den Souvenirs, die Baron Giovanni de Castelmur auf einer seiner zahlreichen Reisen aus Frankreich mitbrachte. Auf einigen Eckpfeilern fehlen die Schmuckstücke – leere Scharniere zeugen von der Abwesenheit jener Exemplare, die unauffindbar sind. Die Kamerafahrten im Ost- und im Westaufgang werden im zweiten Obergeschoss, wo beide ihren Abschluss finden, zusammengeführt und auf einander gegenüberliegende Wände projiziert.


Céline Gaillard

 

Sebastian Stadler Glaskugel

Sebastian Stadler · «Glaskugel», 2015

2-Kanal-Videoprojektion, Full-HD, 16:9, Farbe, Loop je 1’ 44”

© Ralph Feiner · © Video Arte Palazzo Castelmur


www.sebastianstadler.ch