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Patrick Rohner
«Begehung vom 9. 10. 2014, Plaun da Lej – Pass Lunghin – Casaccia», 2014/2015


Patrick Rohners Werke sind Resultate einer intensiven Auseinandersetzung mit Mitteln und Substanz, Bildträgern und Farbe. Aufmerksam und über längere Zeiträume hinweg beobachtet er Landschaftsräume. Die mit Fotografie und Super-8-Kamera dokumentierten Naturmechanismen sind indes nicht Inspiration fürs Motiv, sondern für die Gestaltungsmöglichkeiten einer prozesshaften Bildfindung: Rohner untersucht, vorwiegend in Malerei und Zeichnung, physikalische Prozesse mittels eigens entwickelter Techniken, schöpft deren Möglichkeiten auf dem Bildträger aus, reflektiert die Erkenntnisse und entwickelt sie stets weiter. Dabei entsteht ein stringentes und mehrschichtiges Werk, das neue Wahrnehmungsräume eröffnet.


Mit dem Übertitel «Versöhnung» schuf der Glarner Künstler in Beschäftigung mit dem Palazzo Castelmur und der ihm zwiespältig erscheinenden (Erfolgs-)Geschichte seines Namensgebers eine verflochtene Intervention. In verschiedene Gattungen aufgeteilt, geben die drei Werke ein repräsentatives Bild von Rohners künstlerischer Betätigung wieder, das sich in den Medien Malerei, Zeichnung und Fotografie äussert. Die mit Arvenholz getäferte Bergeller Stube, die sich bis heute im Originalzustand von 1723, dem Erbauungsjahr der ursprünglichen Casa Redolfi, zeigt, beherbergt das erste Glied der mehrteiligen Intervention. Einem Teppich gleich säumen über 1200 Fotografien ein durch ein Holzpodest abgestecktes Feld auf dem Boden. Die Bilder dokumentieren Rohners Begehung vom vergangenen Oktober von Plaun da Lej über den Pass Lunghin und den Septimerpass nach Casaccia bei trockenem, aber kaltem Wetter und dramatischen Lichtverhältnissen. Sich den enorm vielen Eindrücken hinzugeben ist gewaltig! Die Fotografien stehen am Anfang vieler Arbeiten des Künstlers; sie dienen ihm als Mittel, auf konzentrierten Begehungen der Natur das Gesehene festzuhalten. Die entwickelten Bilder werden im Atelier vollumfänglich zu einer Collage verdichtet, die eine ausgedehnte Wahrnehmung der komplexen Prozesse erlaubt.


Seit langem weit mehr als bloss ein Werkzeug, sondern bedeutungsträchtiger Part der Werkgenese geworden und eine einheitliche Bildsprache verfolgend, werden die Fotografien, die 2007 in Glarus auf Karton hinter Glas und 2010 im Kloster Schönthal in Vitrinen präsentiert wurden, in der Bergeller Stube erstmals zur skulpturalen Setzung. Vor uns ausgebreitet erscheinen sie wie ein gewaltiges Sammelbecken geologischer Prozesse, das wir nie vollends überblicken, jedoch durchaus bewundern können.


Céline Gaillard

 

Patrick Rohner Begehung Bergell

Patrick Rohner · «Begehung vom 9. 10. 2014,
Plaun da Lej – Pass Lunghin – Casaccia», 2014/2015

1247 Digitalprints auf Sperrholzplatte, 240 × 360 cm

© Ralph Feiner · Courtesy the artist and Galerie Mark Müller, Zürich

 

Patrick Rohner
«Installation kleine Arbeiten», 2011–2015


Mit dem Stichwort «Versöhnung», unter dem Patrick Rohners dreiteilige Intervention im Palazzo Castelmur steht, verknüpft der Künstler verschiedene Aspekte. Zum einen
weiss man um ein einschneidendes Erlebnis,das den Fuhrmann Antonio Castelmur, den Vater des Barons, der Heimat entfremdete: Bei einem Transport kam ihm ein Seidenballen abhanden, was ihn so aus der Bahnwarf, dass er nach Marseille auswanderte. Auch das Unterfangen seines Sohnes, die monumentale Erweiterung der Casa Redolfi in maurisch-gotischem Stil – ein Versuch, das ehemals hohe Ansehen der Familie Castelmur wiederherzustellen –, scheint bei genauerer Betrachtung unglücklich, da die Geschäfte des Kaufmanns ihn davon abhielten, länger im Bergell zu bleiben, sodass seine Frau Anna die meiste Zeit allein in diesem Prunkschloss residierte. Zum anderen wirkt der maurisch inspirierte Bau wie ein Fremdkörper im Tal. Mit der Farbmaterie seiner Bildkörper füllt Rohner die Traurigkeit und Fremdheit des Scheinschlosses mit vertrauten Landschaftswahrnehmungen an: Im düsteren Essaal mit den braun-beigen, speckig glänzenden Tapeten verweisen die Malereien, in denen die Eindrücke der Begehung vom vergangenen Oktober Niederschlag finden, mit ihrer Materialität und ihrem Geruch auf die Bergeller Landschaft. Rohners prozessorientierte Arbeiten, von Kräften durchwirkt und mit dynamischen Oberflächen, üben einen starken Sog auf die Betrachter aus. Geologische Prozesse, allen voran die Sedimentation, die Erosion und die Translokation, überträgt der Künstler auf die Bildtafel. Infolgedessen werden seine Arbeiten häufig mit geologischen Terminologien beschrieben. Rohner führte die Malerei an einen neuen Punkt; unter Verwendung eines breiten Spachtels verbindet er unterschiedliche Methoden – mehrschichtigen Farbauftrag sowie Farbabtrag von oben aufliegenden Schichten – miteinander und ergänzt seine Technik um die Translokation: Noch zähflüssige Farbmaterie überträgt er von einem Bild auf ein anderes und lässt damit die Einflussnahme verschiedener Gemälde aufeinander zu. Wenn er zwei noch nicht gänzlich getrocknete Ölbilder aufeinanderpresst und die oberen Schichten sich dadurch vermischen, dann bedingen sie sich sogar existenziell. Und wenn schliesslich durch Kratzen an der Oberfläche ältere (Ge-) Schichten auf einem belasteten Untergrund aufgedeckt werden und ein Spuren hinterlassender Austausch stattfindet, dann – möchte man die Begrifflichkeit denn auf seelische Prozesse ausweiten – bilden die Techniken des Künstlers optimale Voraussetzungen für eine Versöhnung.

Céline Gaillard

 

Patrick Rohner Installation kleine Arbeiten

Patrick Rohner · «Installation kleine Arbeiten», 2011–2015

Öl auf Sperrholzplatte, mehrteilig, je 52 × 58 cm

© Ralph Feiner · Courtesy the artist and Galerie Mark Müller, Zürich

 

Patrick Rohner
«Gebirgszeichnungen», 1990 /1991


Die sich stets verändernde Natur stellt für Patrick Rohner ein unendliches Studienfeld dar. «Die Wahrnehmung feinster Nuancen und minimalster Variationen bietet mir genügend Anreiz, um mich unermüdlich dem vermeintlich Gleichen zu widmen»(1), so notierte Rohner im Jahr 2004. Das rastlose Schaffen des Künstlers wird von seinem Interesse f ür Zeitphänomene und ihre Wahrnehmung angetrieben.


Im grossen Korridor hängt seit Jahren eine Reihe von Porträts der Familie von Salis- Marschlins, zu deren Gunsten die Castelmurs, welche im Machtkampf zwischen Frankreich- Venedig und Österreich-Spanien falsch gepokert hatten, Anfang des 17. Jahrhunderts an politischem Einfluss verloren hatten. Die Bildnisse sind Leihgaben des Rhätischen Museums Chur und stammen ursprünglich aus der Sammlung des 1934 in Privatbesitz übergegangenen Schlosses Marschlins in Landquart. Rohner hat einige der düsteren Porträts durch Bleistiftzeichnungen ersetzt. Dabei handelt es sich um frühe Arbeiten des Künstlers von 1990 und 1991, «Archetypen Bergzeichnungen» genannt. Damals, unmittelbar nach dem Studium an der Staatlichen Kunstakademie in Düsseldorf, war Rohner stark von der filigranen Zeichentechnik von Joseph Beuys und von Cy Twombly geprägt, aber auch von dem die Wesensstruktur der Menschen ergründenden Zeichenstil des in Borgonovo geborenen Alberto Giacometti. Als er nach der Akademie das Lebenszentrum in den Kanton Glarus verlagerte, stellte das Zeichnen ein Mittel dar, sich die eindrückliche Bergumgebung anzueignen, die zur Heimat wurde. Später entdeckte Rohner die Fotografie für sich, die im Schaffensprozess gegenüber der Zeichnung mehr Raum einnahm, die ihrerseits in den letzten Jahren jedoch wieder wichtiger geworden ist. Heute zeichnet der Künstler täglich. Mit dem Medium, das als das spontanste gilt, schärft er seinen Blick für die Welt.


In den «Gebirgszeichnungen» skizziert er Urtypen von Bergen. Als der Bauer Antonio Castelmur das Gebirgstal aufgrund der schwierig zu bewirtschaftenden Böden verliess, liess er damit auch die heimatliche Bergwelt hinter sich. Mit seinen Arbeiten rückt Rohner an die Stelle der Porträts der Salis-Dynastie ur-vertraute Bilder. Sie füllen den an exotischen Objekten und illusionistischen Malereien reichen Palazzo mit Bildern dessen, was quasi vor der Haustür steht.

(1) Patrick Rohner: 3. September 2004, in: Patrick Rohner. Begehungen und Malerei / Perambulations and Paintings / 1989–2004, Nürnberg 2004, S. 119.


Céline Gaillard

 

Patrick Rohner Bergzeichnungen

Patrick Rohner · «Gebirgszeichnungen», 1990 /1991

Bleistift auf Papier, mehrteilig, je 21 x 29,7 cm

© Ralph Feiner · Courtesy the artist and Galerie Mark Müller, Zürich

 

www.patrickrohnerartist.com