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Ursula Palla
«the book», 2015


Auf dem Tisch in der Bibliothek ist ein überdimensioniertes Buch aufgeschlagen, das eine unwillkürliche Anziehungskraft ausübt. Beim Nähertreten wird man gewahr, dass sich auf den weissen Seiten kleine, bewegte Geschichten abspielen. Die surrealen Sequenzen, die über einen an der Decke montierten Videoprojektor auf das Buch geworfen werden, ziehen ihre «Leserschaft» umgehend in den Bann! Ein Luftzug scheint die Seiten hörbar umzublättern, unterbricht die Sequenz auf einer Seite und erzählt eine neue Geschichte auf der folgenden. Die animierten Szenen laden ein, in fantasievolle Assoziationsräume einzutauchen. Das statische Buch fungiert dabei nicht nur als Projektionsfläche, sondern bildet einen elementaren Bestandteil des bewegten
Videobilds.

In der Videoinstallation von Ursula Palla verschmelzen zwei Medien, die ihre Erfindung in unterschiedlichen Jahrhunderten feierten, miteinander. Sie bestehen aus verschiedenen Materialien und verlangen unterschiedliche Rezeptionsweisen. Während der Leser bei einem Buch, das er jederzeit weglegen kann, das Tempo vorgibt, folgt der Betrachter eines Videos einem vorgegebenen Ablauf. In «the book» wird die manuelle Forderung – das Blättern – des klassischen Mediums vom digitalen übernommen. Dieses folgt indes keiner linearen Erzählstruktur; wie von Geisterhand wird hin und her geblättert und die Videoepisoden werden vor- und rückwärts abgespielt.


Pallas poetische Installation schlägt technisch eine künstlerische Brücke von den unterschiedlichen Jahrhunderten, aus denen sich der eigentümliche Palast manifestiert, in die heutige Zeit. Mit dem Buch rückt sie ein wichtiges Medium in den Fokus, dessen Bedeutung innerhalb des Museumsbestands leider nicht mehr vollumfänglich eruiert werden kann. Giovanni de Castelmur hatte seine Bibliothek an eine Familie Pedrini verkauft. (1) Schade – denn die Bücher des Bauherrn, der ein eifriger und kulturinteressierter Mensch gewesen zu sein scheint, hätten vielleicht mehr über den Baron aussagen können, von dem nicht viel überliefert ist. Man weiss jedenfalls von Musikstücken, die er selbst komponiert hatte, und von der Veröffentlichung seines Buches «Rifflessioni politiche» (1830) mit Bildungsratschlägen, die im Tal erst nicht gut ankamen, später jedoch umgesetzt wurden.

(1) Vgl. Hans Hofmann: Palazzo Castelmur Stampa-Coltura, Chur 1991, S. 17 u. 19.

Céline Gaillard

Ursula Palla the book

Ursula Palla · «the book», 2015

Videoinstallation, Projektion, HD, Farbe, Ton, Loop 5’ 20”, Buch

© Ralph Feiner · © Video Arte Palazzo Castelmur

 

Ursula Palla
«gemini», 2015


Alles Herausragende entsprach dem Geschmack von Baron Giovanni de Castelmur. In der Museumssammlung finden sich exotische und kostbare, teilweise in der Schweiz einzigartige Kuriositäten. Noch heute im französischen Auktionsmarkt beliebt sind die sogenannten «pendules au nègre». Die erste bekannte Uhrenfigur dieses Typs war 1784 für Marie Antoinette von königlichen Uhrenmachern hergestellt worden. Auch de Castelmur brachte von einer seiner Frankreichreisen eine Uhr dieser Art nach Coltura heim. Wie für diese Uhren typisch, ist sie mit einer dunkelhäutigen Figur kombiniert. In unserem Fall ist sie aus Gusseisen, farbig gefasst und vergoldet. Während bei den meisten dieser Antiquitäten die Uhr von der Figur getragen wird oder in einem Attribut oder im Sockel eingelassen ist, ist sie bei der fast einen halben Meter hohen Figur, deren Kopf leider abgebrochen und verloren gegangen ist, in den Körper integriert. Die Zeit ist dem Dienstboten quasi einverleibt worden und hat ihn in Besitz genommen.


Die orientalische Uhrenfigur wurde mittels eines 3D-Druckers nachgebildet und anschliessend originalgetreu bemalt. Der Zwilling steht nun auf einer Konsole im kleinen Turmzimmer, in dem sich das Familienarchiv befindet. Im Bauch allerdings ist keine Uhr vorhanden. Eine solche taucht stattdessen, entkörperlicht als Videoprojektion, direkt beim Halsansatz auf, wo sie an die Stelle des fehlenden Kopfes rückt. Die Zeit wird zur Kopfgeburt. Während die Uhr der ursprünglichen Figur längst stillsteht, bewegen sich die Zeiger auf dem Duplikat. Auch sie zeigen indes nicht die richtige Zeit an, sondern gehen mal vor-, mal rückwärts. Eine Tonspur lenkt die Aufmerksamkeit ihrerseits auf das Ticken der Uhr und damit auf das Vergehen der Zeit.

Mit listigen Verfremdungen von grundlegenden Elementen eines Uhrwerks setzte sich Ursula Palla bereits in früheren Arbeiten mit dem Faktor Zeit auseinander. Dabei entstanden ausdrucksstarke Werke, die subtil Fragen ,zur Fragilität unserer Gegenwart und deren Verhältnis zur Technik evozieren. Wenngleich die Figur mit der kreisrunden Uhr in der Videoinstallation «gemini» humorvoll ein Gesicht erhält und damit eine augenscheinliche Lücke ausgefüllt wird, so handelt es sich dennoch letztlich um ein Trugbild: Dieses veranschaulicht das Empfinden vom Nicht-Vorwärtskommen und Gefangensein in der Zeit. Damit vermag Palla eine seltsame Unruhe oder unbewusste Verunsicherung zu übersetzen, die einen womöglich beim Durchschreiten des prunkvollen, aber Einsamkeit vermittelnden Scheinschlosses begleiten mag.

Céline Gaillard

 

Ursula Palla gemini

Ursula Palla · «gemini», 2015

Videoinstallation, Projektion, HD, schwarz/weiss, Ton, Loop 4’ 50”, 3D-Druck
Dank: Sulser-Print und Christoph von Imhoff

© Ralph Feiner · © Video Arte Palazzo Castelmur

 

Ursula Palla (*1961) arbeitet vorwiegend mit dem Medium Video. In teils raumgreifenden Installationen setzt sie sich mit dem Thema von Projektion, Wirklichkeit und Konstruktion auseinander. Die als Sinnbilder angelegten digitalen Collagen – formal auf der bildnerischen Tradition von Stillleben und Landschaftsbildern basierend – transportieren romantische Inhalte und Paradiesvorstellungen. Bei genauerer Betrachtung zerfällt jedoch der schöne Schein und die vermeintliche Idylle entpuppt sich als zerstörerische Gegenwelt, die Fragen nach der Komplexität und Fragilität unserer Gegenwart aufwirft.


www.ursulapalla.ch