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Manfred Alois Mayr
«Crystal», 2015


Dank ihrer Leichtigkeit und Unzerbrechlichkeit sind die seit den 1990er-Jahren marktgängigen PET-Flaschen zum Standard für Getränkeverpackungen avanciert. In allen möglichen Formen und Farben erhältlich, ist die recyclebare Einweg-PET-Flasche ein Nutzobjekt, das in einer unvorstellbarenZahl tagein, tagaus gehandelt und verwendet wird – überall auf der Welt.

Im repräsentativen Ballsaaal des Palazzo Castelmur schuf der Südtiroler Künstler Manfred Alois Mayr, der mit der Fassadengestaltung des Vorarlberg-Museums aus einer Vielzahl von strukturierten Boden-Abgüssen von PET-Flaschen internationale Bekanntheit erlangte, eine Skulptur aus solchen Plastikbehältern. Etliche leere, übereinander gestülpte und geklebte Softdrink- Flaschen schiessen turmartig in die Höhe und ergeben eine überraschend elegante, sich nach oben verjüngende Säule. Aus seinem gewöhnlichen Kontext herausgelöst, erlangt das ungewöhnliche Baumaterial, eigentlich ein Abfallprodukt, eine Bedeutungsverschiebung. Als Künstler befreit Mayr das moderne Industrieprodukt von seinem ursprünglichen Daseinszweck und stellt es, so prominent inszeniert, in einen zwar neuen, doch ebenfalls beeinflussten Diskurs: Vor dem Hintergrund der Geschichte des Palazzo Castelmur und dessen prunkvoller Innenausstattung sowie des Auftraggebers Giovanni Castelmur, der als Kaufmann im Ausland Vermögen ergatterte, wird das Objekt in Relativität zum Ort gestellt. Der raumspezifische Bezug stellt Referenzen zu den vielfältigen, farbigen Tapeten und Trompe-l’Oeuil-Malereien (täuscht uns der Künstler mit den farbigen Flaschen auf den ersten Blick etwa mundgeblasenes Muranoglas vor?) oder zum Treppenaufgang mit den Antrittssäulen und den schmucken Glaskugeln her. Eine Ansammlung von Champagnerflaschen aus früheren Zeiten auf dem Dachboden des Palazzo mag auf die Wahrnehmung des Gebrauchsgegenstands ebenfalls abfärben.

Als ortsspezifische Vertiefungen schafft Manfred Alois Mayr raumgreifende und kleinere Installationen. Den Untersuchungsgegenstand bilden dabei alltägliche Lebensräume, die der Künstler auf die Präsenz des Menschen hin analysiert. Dabei stellen sich ihm Fragen wie die nach der Konstruktion von (kultureller) Identität oder der Existenz von Farben und spezifischen
Materialien sowie ihrer kulturellen Bedeutung. Skulpturale Gebrauchsgegenstände werden einem Bedeutungswandel unterzogen, der neue, häufig irritierende Referenzen schafft. Die Arbeiten des Raumanthropologen bewegen sich zwischen Kunst und Architektur, zwischen Design und Objekt.

Céline Gaillard

 

Manfred Alois Mayr Crystal

Manfred Alois Mayr · «Crystal», 2015

PET-Softdrink-Flaschen (Acqua Eva Frizzante bis Almdudler), Acrylkleber, TY-RAP-Klemmen, Nylonfaden, Zugfeder, Höhe ca. 6,7 m

© Ralph Feiner · © Video Arte Palazzo Castelmur

 

Manfred Alois Mayr
«Castelmuro», 2015

Reiner Zucker: in der Kunst – anders als Schokolade (vor allem durch Dieter Roth und Ian Anüll) oder seit Joseph Beuys’ «Fettecke » (1982) Butter – ein selten verwendeter Werkstoff. Dabei hat der Zucker seit der Entdeckung der karibischen Inselwelt, die zur Errichtung von Zuckerrohrplantagen führte und die Saccharose zu einem Allgemeingut werden liess, bereits eine über 500-jährige europäische Kulturgeschichte geschrieben.(1) Anders steht es mit dekorativen Meisterwerken: Am persischen Hof wurden bereits im 11. Jahrhundert Skulpturen aus Zucker modelliert, und Tiere, Wortbilder, Schiffe oder andere kulinarische Erzeugnisse wurden im 13. Jahrhundert auch in Frankreich und um 1400 in England bei Festmählern gehobenen Standes als Süssspeisen gereicht.

Zahlreiche Bündner suchten ab dem 16. Jahrhundert aufgrund unzureichender wirtschaftlicher Entfaltungsmöglichkeiten im Ausland als sogenannte Zuckerbäcker ihr Glück, als Konditoren, Cafétiers, Bierbrauer und anderes mehr. Zunächst in Venedig, wo sie bis ins 18. Jahrhundert die Vormachtstellung in der Zuckerbäckerzunft innehatten, und später, als sie ihre Privilegien dort aufgrund politischer Machtkämpfe verloren, über das gesamte Europa verteilt. Kaum gibt es eine zweite Schweizer Region, die derart von der Auswanderung geprägt worden ist wie das Bündner Südtal. Während viele fern der Heimat erfolglos verarmten – denn das Geschäft mit dem Süssen war in den meisten Fällen eher ein bitteres –, kehrte Giovanni de
Castelmur mit einem ansehnlichen Vermögen ins Bergell zurück. Sein Grossvater Antonio Castelmur-Stampa hatte in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Marseille die Pâtisserie Castelmuro eröffnet, der Baron betätigte sich im Seidenhandel. So steht der prächtige Schlossbau Castelmur ohne seinesgleichen für die Geschichte des Bündner Zuckergeschäfts.


Manfred Alois Mayr spürt dem süssen Hintergrund des Hauses nach und baut seinerseits ein Modell aus Zucker, welches in die permanente Ausstellung zur Geschichte der Zuckerbäcker im zweiten Obergeschoss als unauffällige Setzung eingeschleust ist. Den Prunk des Hauses führt er auf seinen symbolischen Ursprung zurück: Das nach einem kolorierten Plan geschaffene Modell, das sich teils aus Würfelzucker-Bausteinen zusammensetzt, zeigt das Fassadenrelief der Konditorei der Familie Castelmur an der Rue
Paradis in Marseille.

(1) Vgl. Sydney W. Mintz: Die süsse Macht. Kulturgeschichte
des Zuckers, Frankfurt/New York 2007.

Céline Gaillard

 

Manfred Alois Mayr Castelmuro

Manfred Alois Mayr · «Castelmuro», 2015

Zucker, Gelatine, Lebensmittelfarbstoff, ca. 24 × 32,5 × 16 cm

© Ralph Feiner · © Video Arte Palazzo Castelmur


www.manfredaloismayr.com