Judith Albert - Karin Bühler - Evelina Cajacob - frölicher|bietenhader -
Gabriela Gerber und Lukas Bardill - Eric Lanz - Zilla Leutenegger - Sissa Micheli - Christoph Rütimann - Simone Zaugg

 

 

Home
Projekt
Kontakt
Anfahrtsplan
Palazzo Castelmur
Rahmenprogramm
Links
Sponsoren
Impressum
Presse
Publikation
 
zurück

Zilla Leutenegger ‹Schlafender Hund›, 2013

Zilla Leutenegger haucht mit ihren Arbeiten dem Palazzo Lebensgeist ein. Die Künstlerin, welche in ihren Installationen Zeichnung und Projektion vereint, fokussiert häufig auf Banalitäten des Alltags. So sind ihre Gedanken bei der Frage, wie sich das Leben im Palazzo wohl in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gestaltet hatte, ebenfalls um den Alltag gekreist. Dabei stellte sie sich die Einsamkeit der Baronessa vor, war deren Mann doch häufig im Ausland geschäftlich unterwegs; zudem überlebte sie ihn um mehr als zwanzig Jahre.
Annetta de Castelmur, die Baronin, lebte von 1813 bis 1892. Sie gehörte wie ihr Mann Giovanni de Castelmur dem Geschlecht der Castelmur an und war seine Cousine ersten Grades. Es heisst, dass sie stets besonnen handelte. Sie und ihr Mann waren in der Talgemeinschaft für ihre Wohltätigkeiten sehr geschätzt. Den Hügel, der den Grenzort von Sotto- und Sopraporta bildet, hat der Baron schon vor der Erweiterung des Palazzo Castelmur erworben und liess dort den mittelalterlichen Kirchturm und die Kirche Santa Maria instand stellen. Im eigens errichteten Familienmausoleum liegen das Baronenpaar und der Bruder des Barons begraben. Nachdem ihr Mann verstorben war, liess die Baronessa noch das Haus neben der Kirche für den Wächter sowie 1897 – mit einem ihrer Vermächtnisse – die Verbindungsbrücke vom Tal nach Coltura erbauen. Mit dem Überschuss der zur Verfügung gestellten Summe konnte die Bergeller Viehversicherung gegründet werden.
Viel ist über den Baron und die Baronin nicht bekannt. Gar nichts jedoch ist über Haustiere überliefert. Die Vermutung, dass sie Hunde gehalten haben, tut sich angesichts der beiden Hundebetten im Gang auf. Womöglich gehören aber auch die Hundebetten - genauso wie die vielen prunkvoll ausgestatten Zimmer - nur zum Schein des grossen Palazzo, von welchem das Baronenpaar nur einige Zimmer im Kernbau bewohnten? Mit ihrer Videoprojektion ‹Schlafender Hund› lässt Zilla Leutenegger jedenfalls einen Hund im Bettchen schlafen und füllt den Palazzo so mit einer Präsenzz, die als treue Begleitung des Menschen gilt.
Der comichaft gezeichnete und projizierte Hundebauch bewegt sich lebhaft leicht auf und ab. Konturbetonung und Unvollständigkeit in Zilla Leuteneggers Zeichnungen lassen Zwischenstellen offen und schaffen ihrerseits Raum für eigenes Weiterdenken. So schöpfen ihre Arbeiten Kraft aus dem Nebeneinander von Wahrnehmbarem und Fantasie. Die Künstlerin arbeitet stets in den Raum hinein.
Céline Gaillard

 

 

 


‹Schlafender Hund›, 2013 · Videoinstallation mit einem Hundebett, 1 Projektion, s/w, kein Ton, Loop
Courtesy the artist and Galerie Peter Kilchmann, Zürich
Bild © Ralph Feiner · © 2013 Video Arte Palazzo Castelmur

 

Zilla Leutenegger ‹Castelmurrrr›, 2013

Die Intervention im Musikzimmer ist schlicht, und doch vermag sie den Betrachter auf eine intensive Art und Weise zu ergreifen. Wie von Geisterhand wird an eine Wand immer wieder das Wort «Castelmurrrr» geschrieben. Das Wort wirkt geheimnisvoll. Immer wieder macht es den Betrachter zwanghaft darauf aufmerksam, dass er sich im Palazzo Castelmur befindet. Oder will es an den Namen der Familie aus Coltura erinnern? Der Buchstabe «r» wird dabei mehrere Male wiederholt, sodass das Wort eine barsche, ja gar penetrante Endbetonung erhält. Diese Buchstaben sehen in ihrer Wiederholung in der Schnürchenschrift aus wie die Formen von Turmzacken.
Die Südfassade des Palazzo wird von zwei von maurisch-gotischer
Architektur inspirierten Türmen flankiert. Sie weist zudem schlanke, in die Höhe strebende Zinnen auf, die den Bau betonen. Zilla Leutenegger stellt sich vor, dass die Grösse des leeren Schlosses die Baronessa de Castelmur in Zeiten, in denen sie allein war, an den Rand des Wahnsinns bringen musste. So deutet sie das sich fast aggressiv ins Gehirn schreibende Wort mit seiner strapaziösen oder auch zänkerischen Endbetonung – wohl auch im Sinne seiner Etymologie – als die dicken Schlossmauern, welche die nachempfundene Einsamkeit der Baronin einschlossen.
Bei den von unsichtbarer Hand an die die Wand geschriebenen Worten mag der eine oder andere auch an den Mahnruf Menetekel, der als Inbegriff drohenden, letztlich nicht abwendbaren Unheils gilt, denken. Das Buch Daniel des Alten Testaments erzählt die Geschichte des König Belšazar, dem eine geisterhafte Hand, welche die Worte mene mene tekel an die Wand schrieb, während eines masslos gefeierten Fests das Ende seiner Herrschaft ankündigte. Die biblische Geschichte wurde von Künstlern des Barocks aufgegriffen, so unter anderem durch Rembrandt im Gemälde «Das Gastmahl des Belšazar» (1635).
In ihrer Ausführung erinnert die Schrift aber vielmehr an die Arbeit «My Name as Though It Where Written on the Surface of the Moon» (1968) des amerikanischen Künstlers Bruce Nauman, in welcher er seinen eigenen Namen durch Wiederholung der einzelnen Buchstaben in die Länge zog. Die ebenfalls kursiven Buchstaben gehören zu einer Installation mit Neonröhren. Der Schriftzug «Castelmurrrr» von Zilla Leutenegger besteht ebenfalls aus Licht, doch wendet die Zeichnerin die Technik der Videoprojektion an, um das Wortbild zu animieren.
Céline Gaillard

 

 

 


‹Castelmurrrr›, 2013
· ortsspezifische Videoprojektion, s/w, kein Ton, Loop
Courtesy the artist and Galerie Peter Kilchmann, Zürich
Bild © Ralph Feiner · © 2013 Video Arte Palazzo Castelmur

Zilla Leutenegger ‹Champagner Brunnen›, 2013

Das grosse Esszimmer mit seinen Deckenmalereien mit Früchten hatte sich im 19. Jahrhundert sicherlich als Raum für den Empfang von Gästen geeignet. Zilla Leutenegger hat in diesem Vorzeigeraum eine Projektion realisiert, welche die Assoziation an eine Festgesellschaft weckt.
Auf dem länglichen Tisch erbaute sie eine Glaspyramide aus vierzehn Gläsern. Vom Beamer auf einem Tischchen wird ein Video projiziert, dessen Bilder eines Champagnerbrunnens auf die Gläser und auf die gegenüberliegende Tapete treffen. In den auf der Innenseite mit Sandstein beschichteten, matten Kelchen ergibt sich ein goldfarbenes Lichtspiel, während auf die Tapete ihre Schattenrisse geworfen werden, über die der Champagner gleichermassen rauschend läuft.
Das Füllen der Gläser geschieht in überschwänglicher Manier und in verschwenderischen Massen. Das Rauschen hört nie auf, der Champagner fliesst in Überfülle endlos auf den Boden. Mit der Intervention ‹Champagner Brunnen› thematisiert Zilla Leutenegger den Palazzo Castelmur als Ort der feineren Gesellschaft und in Momenten der Festlichkeiten, die in Abwechslung zur Einsamkeit der Baronessa stehen oder den Wunsch nach Gästen erahnen lassen.
Zilla Leuteneggers Animationen spielen Realitätseffekte in Räume ein. Meist sind es dabei weibliche, mit präzisen Szenen des Alltags beschäftigte Personen, häufig ihre eigene Kunstfigur, die in einer gezeichneten Raumkulisse als Projektion in Erscheinung treten. Beim Nachspüren einer längst vergangenen Lebenszeit im Palazo Castelmur unterlässt es die Künstlerin konsequent, eine weibliche Person aufleben zu lassen. Stattdessen haucht sie Objekten eine bewegte Präsenz ein, Wänden und Gläsern, oder zeigt die lebhaften Konturen eines Hundes, dessen Lebenszeiten undatiert, frei denkbar oder gar erfunden sind. Ihre Bewegungen sind klein gefasst, sodass sich die Geschichten zurücknehmen. Es sind freie Vorstellungen, welche in den Freistellen, die das Medium Zeichnung, die den Videoarbeiten zugrunde liegt, bietet, Zwischenräume offen lassen und einen Versuch darstellen, eine bestimmte Atmosphäre zu schaffen.
Céline Gaillard

 

 

 


‹Champagner Brunnen›, 2013 · Videoinstallation mit Objekten (14 Champagnergläser, sandgestrahlt), 1 Projektion, Farbe, kein Ton, Loop
Courtesy the artist and Galerie Peter Kilchmann, Zürich
Bild © Ralph Feiner · © 2013 Video Arte Palazzo Castelmur

In ihren Installationen vereint Zilla Leutenegger (*1968) Zeichnung und Projektion. Es sind Banalitäten des Alltags, auf die sie fokussiert. Ihre Installationen treten meist als gezeichnete Raumkulisse in Erscheinung, in welche mit präzisen Szenen des Alltags beschäftigte Figuren - häufig ihre eigene Kunstfigur - projiziert werden. Konturbetonung und Unvollständigkeit der Zeichnungen lassen Zwischenstellen offen und schaffen ihrerseits Raum für eigenes Weiterdenken. So schöpfen Zilla Leuteneggers Arbeiten ihre Kraft aus dem Nebeneinander von Wahrnehmbarem und Fantasie. Die Künstlerin arbeitet stets in den Raum hinein.

www.zilla.ch