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Zilla Leutenegger
«Au clair de la lune», 2015


Steigt man die Osttreppe hinauf ins erste Obergeschoss, wird aus einem kleinen offenen Türspalt ein Lichtschimmer wahrnehmbar. Der Blick in den unzugänglichen Abstellraum eröffnet Kurioses: Ein Hut und ein Stock tanzen im stillen Kämmerlein schwerelos im Mondlicht. Vor den chinesischen
Wandschirmen und anderen nicht ausgestellten Requisiten des Palazzo vollführen die Objekte in der Videoprojektion ein bühnenreifes, an Auftritte von Fred Astaire oder Michael Jackson gemahnendes Spektakel, das jedoch kaum an ein Publikum gerichtet zu sein scheint: Dem Tanz im Vollmond haftetetwas Zauberhaftes an, und das Gefühl mag einen beschleichen, man nehme an einem intimen Augenblick teil.


Auf Schwarzweiss-Fotografien sieht man Baron Giovanni de Castelmur als gutbürgerlichen Herrn in adretter Kleidung mit Zylinder und Regenschirm. Die Attribute werden in Zilla Leuteneggers Videoinstallation zu eigenständigen Wesen, die in der Mondstundeaufleben und dem Raum ihre geisterhafte Präsenz einverleiben. Scherzhaft erzählte man sich in den 1970er-Jahren von einem Holzbein des Barons, das während Sommerkonzerten, die im Palazzo veranstaltet wurden, im Estrich mittanze. Die Vorstellung mutet ebenso unwirklich und magisch an wie das gesamte um 1854 opulent erweiterteSchloss, in dem der 1871 in Nizza verstorbene
Baron und die ihn über 20 Jahre überlebende Baronin kinderlos residiert hatten. Die vorwiegend in Frankreich und Italien durch den Kaufmann und Philanthropen zusammengetragene Sammlung ist, seit der Palazzo 1961 in Besitz der Gemeinde Bergell übergegangen ist, bis heute im Museum öffentlich zugänglich. Indem das Museum die Vergangenheit für die Besucher auf Dauer festhält, stellt es einen Zwischenraum dar – und kann somit als Analogie zum Medium Video betrachtet werden, wo Raum und Zeit in einer Endlosschlaufe gefangen scheinen. Auch der Zylinder und der Stock, die in der Videoprojektion ihr Fortbestehen bezeugen, gehörten einst in Giovanni de Castelmurs Alltag und damit einer anderen Zeit an.


Zilla Leuteneggers poetische Installationentreten meist als gezeichnete Raumkulisse in Erscheinung, in welche mit präzisen Alltagsszenenbeschäftigte Figuren – häufig ihre eigene Kunstfigur – projiziert werden. In dermusealen Aura des Palazzo Castelmur hingegenhaucht die Künstlerin dem Schloss mitbewegten Objekten Leben ein und schafftdamit Raum für eine kindlich-romantischeVorstellung. Leuteneggers Werke, die stets den gegebenen Raum einbeziehen, schöpfen ihre Kraft aus dem Nebeneinander von Wahrnehmbarem und Fantasie.

Céline Gaillard

 

Zilla Leutenegger Au clair de la lune

Zilla Leutenegger · «Au clair de la lune», 2015

Videoinstallation, Projektion, Farbe, Ton, Loop 4’
© Ralph Feiner · Courtesy the artist and Galerie Peter Kilchmann, Zürich

 

Zilla Leutenegger
«Kaleido», 2014/15


In poetischer Leichtigkeit tanzen im blaugoldenen Turmzimmer videoprojizierte Bilder von traumhaft skurrilen geometrischen Formen durch den Raum. Zilla Leuteneggers raumgreifende Installation «Kaleido» besteht aus einem Video, einem in der Raummitte auf einem Sockel installierten Kristall sowie einer Projektion auf denselben und die anliegenden Wände. Begleitet wird das schwerelose Schauspiel von einem zauberhaften, klirrenden Klang.


Die Faszination der Intervention ergibt sich durch die Brechung des Lichts im Kristall und die dadurch entstehende Streuung der Lichtbilder. Damit wendet die Künstlerin in der Videoprojektion – die nichts anderes ist als ein Lichtspiel – die Idee eines Kaleidoskops an. Das heute vorwiegend als Kinderspielzeug bekannte optische Gerät ist im Inneren mit drei- oder viereckigen Röhren aus Spiegeln ausgestattet. An einem Ende werden farbige Glasteilchen mehrfach reflektiert und ergeben ein symmetrisches Muster, das sich durch Drehen ändert. Das 1816 vom Physiker David Brewster (1781–1868) während Untersuchungen zu doppelbrechenden Kristallen wiederentdeckte und patentierte Kaleidoskop hatten bereits die Griechen gekannt. Entsprechend ist auch seine Bezeichnung aus griechischen Worten gebildet: kalós heisst «schön», eidos «Form, Gestalt» und skopéin «schauen, sehen, betrachten» – zusammen bedeuten sie «schöne Formen sehen».


Für die Herstellung des nach einem gezeichneten Schnittmuster entstandenen Kristalls kam eine neue Technik zum Einsatz: Im halbflüssigen Zustand wurde das Glas zumKörper modelliert und anschliessend geschliffen. Entstanden ist «Kaleido» für die letztjährige Ausstellung «Docking Station» im Aargauer Kunsthaus in Aarau: Mit der Videoinstallation nahm Leutenegger Bezug auf die Rhombenformen in Meret Oppenheims Gemälde «Dunkle Berge, rechts gelbrote Wolken» (1977–1979) aus der Sammlung des Kunsthauses. Die zweidimensionale Malerei übersetzte die Künstlerin zunächst in eine skulpturale Form und in einem zweiten Schritt in bewegte, ephemere Wandbilder. Für den Palazzo Castelmur neu adaptiert und weiterentwickelt, betont die in ihren Bann ziehende Schönheit des räumlich umgesetzten Kaleidoskops die im Lauf der
Zeit ständig wechselnden Eindrücke. Sie ist indes nur als Schein konstruiert und kann in der zeitbasierten Projektion nicht auf Dauer bestehen. Im Turmzimmer wirft die Installation zudem die Formen der blau-goldenen Musterung der Wandbemalung auf diese selbst zurück.

Céline Gaillard

 

Zilla Leutenegger Kaleido

Zilla Leutenegger · «Kaleido», 2014/2015

Videoinstallation mit Kristall, geblasen/modelliert, Projektion, Farbe, Ton, Loop 4’, Sockel

© Ralph Feiner · Courtesy the artist and Galerie Peter Kilchmann, Zürich

 

In ihren Installationen vereint Zilla Leutenegger (*1968) Zeichnung und Projektion. Es sind Banalitäten des Alltags, auf die sie fokussiert. Ihre Installationen treten meist als gezeichnete Raumkulisse in Erscheinung, in welche mit präzisen Szenen des Alltags beschäftigte Figuren - häufig ihre eigene Kunstfigur - projiziert werden. Konturbetonung und Unvollständigkeit der Zeichnungen lassen Zwischenstellen offen und schaffen ihrerseits Raum für eigenes Weiterdenken. So schöpfen Zilla Leuteneggers Arbeiten ihre Kraft aus dem Nebeneinander von Wahrnehmbarem und Fantasie. Die Künstlerin arbeitet stets in den Raum hinein.

www.zilla.ch