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Gabriela Gerber und Lukas Bardill ‹Alle meine Schafe I›, 2013

Die Bergeller galten als Volk von Zuckerbäckern. Weniger bekannt ist, dass in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch Amerika als Auswanderungsdestination anzog. Anders als in den europäischen Ländern, in denen sich die Bergeller hauptsächlich in der Zuckerbäckerbranche betätigten, wiesen sie sich in Amerika in der Landwirtschaft aus. Graubünden war bereits zu jener Zeit stark landwirtschaftlich geprägt, doch in den Bergtälern erwiesen sich die kargen Böden für den Ackerbau als schwierig.
Diesen schwierigen, in der Natur begründeten Bedingungen zum Trotz wurde aber auch im Bergell Landwirtschaft betrieben. So hatte sich auch Antonio Castelmur (1771–1834), der Vater des Barons, in der Landwirtschaft und im Fuhrwesen betätigt, bevor er nach Marseille auswanderte. Heute leistet die Landwirtschaft neben der Bauwirtschaft und dem Handel einen wichtigen wirtschaftlichen Beitrag im Tal.
Auf diesen Branchenzweig machen gleich drei Interventionen von Gabriela Gerber & Lukas Bardill aufmerksam. In seinem künstlerischen Schaffen befragt das Künstlerpaar den Begriff und das Verständnis von Natur und Landschaft in der heutigen Zeit. Die Videoarbeit ‹Alle meine Schafe I› ist in einem Schlafzimmer im ersten Obergeschoss installiert, wo das Licht gedämpft ist.
In drei an den Zimmerwänden montierten Flachbildschirmen ist eine Landschaft mit Wiese und ausgetrocknetem Bachbett in Dämmerstimmung zu sehen. In die Szenerie drängen sich jeweils in einem Monitor helle Schafe hinein. Eine Herde mit 250 Tieren durchzieht dem Willen von zwei Hunden und dem Hirten folgend zügigen Schrittes die Alpweide. Kurzzeitig unterbricht Gebimmel und Geblök die Gebirgsruhe. Bald übernehmen wieder Stille und Düsternis die Regie der Szenerie, bevor die Herde nach geraumem Zeitabstand im nächsten Monitor die Landschaft durchquert. Dem Betrachter bietet sich vom einen Monitor zum nächsten eine Erzählfolge, als würde er das Geschehen aus Fenstern heraus beobachten.
Obwohl die romantische Naturszenerie von einer Schafherde durchschritten wird, nimmt der Betrachter den Alpabzug nicht als fremde Störung wahr. Sie wird als Teil der Landschaft dekodiert. Ausgehend von einer Kulturlandschaft, die längst nicht mehr einer natürlichen entspricht, geht es Gabriela Gerber & Lukas Bardill darum, die Brüche, die durch Landschaft und unsere Vorstellungen von ihr gehen, aufzuzeigen und dem ästhetischen Gehalt von voralpinen Landschaftsräumen und ihrer wirtschaftlichen Nutzung nachzugehen.
Céline Gaillard

 

 

‹Alle meine Schafe I›, 2013 · 3-Kanal-Videoinstallation, HD-Video16:9, Farbe, Ton, 3 Loops à 8'
Bild © Ralph Feiner · © 2013 Video Arte Palazzo Castelmur


Gabriela Gerber und Lukas Bardill ‹Alle meine Schafe II›, 2013

Auch in ‹Alle meine Schafe II› geht es Gabriela Gerber & Lukas Bardill um die Beziehung zwischen Mensch und Natur. Die beiden Videos, welche unter demselben Titel in der Ausstellung zu sehen sind, zeigen aufeinanderfolgende Szenen eines Alpabzugs auf der Alp Ijes.
Der Titel, der als Bezeichnung eines Schafhirten, der seine Tiere schützt und abends in warme Gefilde bringt, gilt, ist ein Ausdruck von Aneignung. Das Künstlerpaar befragt den Begriff und das Verständnis von Natur und Landschaft in voralpinen Gegenden der heutigen Zeit, in der nicht mehr eine klassische Vorstellung von unberührter Naturlandschaft herrscht. Treffender kann sie, vom Menschen angeeignet, als Kulturlandschaft beschrieben werden.
Von der Küche zum heutigen Office gibt es eine Durchreiche. Die enge Öffnung bildet aufgrund des dicken Mauerwerks im alten Gebäudeteil einen kleinen Miniaturkorridor. Der darin installierte Monitor zeigt Videobilder mit einer grossen Ansammlung von unruhig wartenden Schafen, die bisweilen von inspizierenden Bauern aufgescheucht werden. Der «Miniaturkorridor» wird durch den formatfüllenden Monitor abgeschlossen, sodass es scheint, als ob die Schafe in die Enge des Korridors hinein oder aus ihr herausgezwängt würden.
Um die hochträchtigen Schafe von der übrigen Herde zu trennen, hat der Hirt alle Tiere in ein Gehege getrieben. Die zahlreichen Schafe versuchen in der Enge des Platzes Raum für sich zu gewinnen. Wenn auch die in der Realität stattgefundenen Videosequenzen nicht einer klassischen, schönen Darstellung von Landschaft entsprechen, so assoziiert der Betrachter die Schafherde eben doch mit Landschaft.
Sowohl was wir mit Landschaft verbinden als auch das, was wir als schön empfinden, wird durch unsere kulturelle Erziehung geprägt. Nicht nur ästhetische Motive spielen eine Rolle, sondern die Empfindung wird zusätzlich dadurch geprägt, was in der Landschaft geschieht. Wahrgenommen werden Konstrukte: Man lernt, gewisse Elemente hinzuzuzählen und andere davon auszunehmen. Der Frage, was Landschaft heute bedeutet, gehen Gabriela Gerber & Lukas Bardill daher nach, indem sie sie konstruieren – sei es mit landwirtschaftlichen Geräten oder mit dem Auszug einer landwirtschaftlichen Tätigkeit. Die Isolation von Motiven, Freistellung, Zentrierung und Wiederholung gehören dabei zu ihrem strategischen Repertoire.
Als Künstler erfinden Gabriela Gerber & Lukas Bardill, wie es Kathleen Bühler formulierte, neue Landschaftsbilder.
Céline Gaillard

 

 

 


‹Alle meine Schafe II›, 2013 · 1-Kanal-Videoinstallation, PAL 16:9, Farbe, Ton, Loop 3' 37''
Bild © Ralph Feiner · © 2013 Video Arte Palazzo Castelmur

Gabriela Gerber und Lucas Bardill ‹Zuckerberg›, 2013

In der die Wand eines leeren Raumes füllenden Projektion sehen wir vor schwarzem Hintergrund ein weisses Gebirge. Allmählich wird Material des Berges weggefegt, seine weissen, abgetragenen Bestandteile werden in der Luft aufgewirbelt, sodass sich ein wohl langsames, aber dynamisches Szenario in den Tönen Schwarz und Weiss abspielt. Es scheint, als würde eine Winderosion ihre Kräfte ausüben und die Elemente des Berges wegfegen – so lassen die weisse Reinheit und die prekäre Fragilität des abfallenden Berges glauben machen. Situiert in einem Raum im zweiten Obergeschoss, wo sich die Besucher des Palazzo Castelmur in der Dauerausstellung «Fast ein Volk von Zuckerbäckern?» auf die Spuren der Bündner «Zuckerbäcker»-Auswanderung machen können, werden jedoch auch Assoziationen an einen Berg aus Zucker nahegelegt. In der Tat will die Projektion ‹Zuckerberg› beides evozieren: Sie täuscht dem Betrachter ein Naturereignis vor, während der Berg in Wirklichkeit aus Puderzucker besteht und durch sein Abfallen somit ebenfalls Bezüge zu wirtschaftlichen Aspekten, ja gar Einstürzen, rund um den Zucker zulässt.
Was ist künstlich, was ist natürlich? Mit ihrer Videoprojektion zeigen Gabriela Gerber & Lukas Bardill das Potenzial der Täuschung in der (Kultur-)Landschaft auf und führen vor Augen, was ihr ästhetisch abzugewinnen ist. Umgekehrt werfen sie die Frage nach der Authentizität auf, die Landschaft für uns haben sollte, und kurbeln so die Reflexion über unsere Vorstellungen von Landschaft und deren wirtschaftliche Nutzung an.
Céline Gaillard

 

 

 


‹Zuckerberg›, 201 · 1-Kanal-Videoinstallation, s/w, kein Ton, HD-Videoprojektion
Bild © Ralph Feiner · © 2013 Video Arte Palazzo Castelmur

Gabriela Gerber (*1970) und Lukas Bardill (*1968) arbeiten in voralpinen Landschaftsräumen und untersuchen deren Nutzung auf ihren ästhetischen Gehalt. Ihr Interesse an wirtschaftlichen Eingriffen in die Umgebung transformieren sie in Videos, Fotografien und Installationen. Sie bauen Bilder aus Landschaftsfragmenten. Mit diesen medialen Neuformulierungen vermag das Künstlerpaar an romantische Sehnsüchte nach Erhabenheit und Schönheit anzuknüpfen und diese zugleich zu dekonstruieren. Das Potenzial der Täuschung wird offengelegt.

www.bardillgerber.ch

 

Künstlergespräch mit Gabriela Gerber und Lukas Bardill