Judith Albert
- Karin Bühler - Evelina Cajacob - frölicher|bietenhader -
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Judith Albert ‹Reisende›, 2013

Die Bergeller Kultur wurde unter anderem durch die grosse, sich im 19. Jahrhundert vollziehende Auswanderungswelle geprägt. Aufgrund des Mangels an Verdienstmöglichkeiten im Tal zogen viele Bergeller in die Ferne, die ihnen Aussicht auf Lohn und Brot verhiess. Sie begründeten ihre Unternehmen, Cafés und Konditoreien, in ganz Europa.
Längst nicht alle kamen aber auf einen grünen Zweig. Und bevor die Lehrzeit und die Ausübung des Berufs überhaupt begannen, stand erst mal die kostspielige Reise bevor. In den überlieferten Briefen wird meist nur über den Ausgang einer Reise berichtet, nicht aber über ihren Verlauf. Im grosszügigen, mit eindrucksvollen Tapeten und Deckenmalereien ausgestatteten Ballsaal nimmt Judith Albert das Thema des Reisens auf. Der Blick aus den Fenstern des Saals geht in Richtung Maira, dem Fluss, der durch das Bergell bis ins Adriatische Meer fliesst. Es ist der Raum, in dem die Opulenz des aus dem Vermögen des Barons Giovanni de Castelmur errichteten Anbaus kulminiert. Einem Vermögen, das der Baron, wie bereits sein Vater, als erfolgreicher Geschäftsmann unter anderem auch in Marseille zusammengetragen hatte, bevor er mit Ansehen ins Bergell zurückkehrte.
Das auf die Wand projizierte Video zeigt einen mit Meringues gefüllten Holzteller, der einer orientalisch und reich gekleideten Figur mit dunkler Hautfarbe und roten Stiefeln als Floss dient. Der Blick in die Zukunft – ob es die Ferne oder das Zuhause ist –, ist aufgrund des fehlenden Kopfes nicht sichtbar. Der Teller treibt auf verschiedenen Gewässern, die mal ruhig, mal wilder und gefahrenvoller sind, wohl hin zum Meer. Vor wechselnden Landschaften und Wetterstimmungen zeigen sich Szenen wie aus einem Märchen, in dem schwierige, fast unmögliche Prüfungen bestanden werden müssen. Als Betrachter fühlt man unweigerlich mit: Wird der Wächter der süssen Fracht die Reise bestehen?
Im Videobild eingefangen und festgehalten findet sich das Geschehen in einer durch das Medium bedingten Zeitschlaufe wieder – der wohlig runde Bauch des Kopflosen ist mit einem Zifferblatt versehen, das stets dieselbe Uhrzeit anzeigt. So tanzt die Figur auf den Meringues durch Zeit und Raum. Damit knüpft Judith Albert auch an heute an und denkt ausgehend von den sogenannten «boatpeople» an Flüchtlinge aller Weltregionen, welche auf überladenen und ungeeigneten Booten ein verheissungsvolles Land zu erreichen versuchen.
Céline Gaillard

 

 

‹Reisende›, 2013 · HD Video, 16:9, Farbe, kein Ton, Loop 23'
Bild © Ralph Feiner · © 2013, ProLitteris, Zürich
Alle Urheberrechte bleiben vorbehalten. Sämtliche Reproduktionen sowie
jegliche andere Nutzungen ohne Genehmigung - mit Ausnahme des
individuellen und privaten Abrufens der Werke - ist verboten.


Judith Albert ‹Projektion›, 2013

In der Intervention ‹Reisende› von Judith Albert im Ballsaal erfolgt eine Durchmischung von Raum und Zeit. Dieser gesellt sich aber auch das Spiel mit Fremdem und Bekanntem hinzu. So finden wir diese Gegensätze nicht nur im Thema der Reise, sondern auch darin, dass die Originalfigur des Mohren auf dem Floss eine fast halbmeterhohe, mechanische Kaminuhr aus Gusseisen aus dem Bestand des Palazzo Castelmur ist. Da ihre Entstehung in der Mitte des 19. Jahrhunderts datiert ist und sie wahrscheinlich aus Frankreich stammt, scheint es gut möglich, dass der Baron de Castelmur sie dereinst aus Marseille auf seiner Rückreise heimgebracht hatte …
Die faszinierende Figur, deren Kopf verloren gegangen ist, kommt auch in einer weiteren Intervention von Judith Albert vor. Es handelt sich um ein Bild, das die bereits bekannte Kaminuhrfigur unter einem Rankenbogen auf dem originalen Figurensockel erhöht zeigt, sodass sie nun wie eine Allegoriendarstellung der Renaissance wirkt.
Für den Hintergrund liess sich Judith Albert von den paradiesisch anmutenden Wandmalereien in einem der Turmzimmer inspirieren. Überhaupt faszinierten sie die Trompe-l'Œil-Malereien im Palazzo – beschäftigt sie sich doch in ihrem künstlerischen Schaffen immer wieder mit Themen wie Simulation, Aneignung und Illusion.
So wirkt auch ihre Arbeit ‹Projektion› wie ein Trugbild: Die Künstlerin verwandelt sich durch die Projektion auf ihren Körper in die Kaminuhrfigur. Die Realität ist durch die stattfindenden Überlagerungen schwer auszumachen. Ein Kippmoment entsteht und spitzt die Thematik des Illusionistischen zu. Die dunkle Hautfarbe der in die Hüften gestemmten Arme wird weiss. Und der Kopf von Judith Albert wird mithilfe eines weissen Tuchs ausgeblendet. Im Gegensatz zur statischen Figur mit Uhr fällt es der Künstlerin schwer, in Passivität zu versinken, und jede noch so kleine Bewegung und Veränderung der Pose haucht der Skulptur Leben ein. Der weisse Schleier lässt den Gedanken aufkommen, ein Geist wäre in die Figur geschlüpft. – Ein Schlossgeist, der die Wände und Gegenstände des Palazzos in neue Beziehungen zueinander setzt und sie durchdringt. Céline Gaillard

 

 


‹Projektion›, 2013 · HD Video 16:9, Farbe, kein Ton, 5' 50''
Bild © Ralph Feiner · © 2013, ProLitteris, Zürich

Alle Urheberrechte bleiben vorbehalten. Sämtliche Reproduktionen sowie
jegliche andere Nutzungen ohne Genehmigung - mit Ausnahme des
individuellen und privaten Abrufens der Werke - ist verboten.

 

Von der Skulptur und der Zeichnung herkommend, untersucht Judith Albert (*1969) in ihren Fotoarbeiten, Videos und Videoperformances die Grenzbereiche visueller und physischer Erfahrungen. Die Videos beziehen ihre Spannung aus der Langsamkeit des Beobachtens. Die Realität verdichtet sich zu einem poetischen Stimmungsbild, das labile Schwebezustände und elementare Räume in über- oder unterirdischen Zonen auslotet. Judith Albert wird in ihren Werken selbst zur Protagonistin vor einer fix installierten Kamera. Eine spröde, verknappte Sprache und die Schönheit natürlicher Formen und Farben stehen in all ihren Arbeiten in einer Beziehung zur Künstlerin.

www.judithalbert.ch